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Auf nach
Gliwice!
Polen – Land und Leute
olen liegt – nicht im Bewusstsein der meisten Deutschen, wohl aber auf
der Landkarte – mitten im Zentrum Europas. Es beginnt nur 80 km östlich von
Berlin.
Mit 312 683 km2 ist Polen nur etwa 10%
kleiner als das wiedervereinigte Deutschland, hat aber weniger als die Hälfte an
Einwohnern. 38% der Bevölkerung leben auf dem Land. 95% der rund 39 Mio.
Einwohner sind Polen. Der Rest besteht anders als in Deutschland nicht aus
zugezogenen Ausländern, sondern aus ethnischen
Minderheiten,
die seit Generationen in ihnen angestammten Gebieten leben, wie z.B. die Deutschen. Die
Angehörigen der deutschen Minderheit leben zu 90% in Oberschlesien. Ihre
Minderheitenrechte sind in der polnischen Verfassung garantiert. Die
verschiedenen Organisationen der Minderheit haben zusammen etwa 300.000
Mitglieder und gehören überwiegend einem gemeinsamen Dachverband mit Sitz in
Oppeln an. Im polnischen Parlament, dem Sejm, ist die deutsche Minderheit
mit zwei Abgeordneten vertreten.
Grundlegende Einheit der Gesellschaft ist nach
wie vor die
Familie,
die meist noch sehr traditionell funktioniert. Die Familienbindungen sind auch
zur weitläufigen Verwandtschaft deutlich. Generationenkonflikte treten kaum auf.
Die Familie ist sicherer Bezugspunkt, und die Jugendlichen bleiben - allerdings
auch der schwierigen materiellen Bedingungen wegen - länger von den Eltern
abhängig. Mit der Veränderung der Lebensumstände seit der Wende 1989, durch die
sich Polen rasant zu einer parlamentarischen Demokratie mit freier
Marktwirtschaft entwickelte, die oft zur Aufnahme mehrerer Jobs pro Person
zwingen, lockern sich aber die Familienbindungen.
Deutliche Unterschiede zu Deutschland gibt es
auch bei der G1eichberechtigung der Geschlechter.
Frauen werden in Polen von Männern zwar verehrt, auf die
Hand geküsst, ihnen wird an der Tür Vortritt gelassen und in den Mantel
geholfen, sie „dürfen“ berufstätig sein und gleichzeitig die Hauptlast der
Kindererziehung und der Familienversorgung tragen, nur... die Macht im Staat
sollten sie lieber Männern überlassen.
95% der Bevölkerung sind laut Statistik
katholisch. Jährlich pilgern etwa vier Millionen Menschen nach Tschenstochau, 80
km von Gliwice entfernt, wo im Paulinerkloster ein Marienbild, die Schwarze
Madonna, aufbewahrt ist, die hoch verehrt wird Die Bedeutung der katholischen
Kirche
in Polen resultiert auch aus ihrer politischen Rolle in der Vergangenheit.
Während der polnischen Teilungen im18. Jahrhundert und auch in der
Nachkriegszeit unterstützte sie als einzige offizielle Institution die
polnischen Unabhängigkeits- und Freiheitsbestrebungen und verfügte über eine
besondere moralische Autorität.
Gliwice/Gleiwitz
er Ort, in dem unsere Partnerschule sich befindet, ist eine industriell geprägte
Großstadt im Süden Polens, administrativ zur Woiwodschaft Śląskie/Schlesien
gehörend. Gleiwitz, am Westrand der Schlesischen Hochlandebene ist sicher die
grünste aller Städte im schlesischen Ballungsgebiet. Immerhin sind beinah 12%
des Stadtgebietes Grünanlagen und Parks. Ein neuralgisches und nach wie vor
ungelöstes Problem bleibt der starke Autoverkehr in der Innenstadt, wo sich die
mittelalterliche Stadtanlage mit ihren Straßenzügen bis auf den heutigen Tag
erhalten hat Die Hauptstraße, Zwycięstwa/Wilhelmstr., hat kaum etwas von ihrem
alten Flair eingebüßt. Viele neue Geschäfte sind entstanden, deren Schaufenster
sich in das historische Gesamtbild einfügen.
GIeiwitz ist eine junge Stadt, denn von den 213 000 Einwohnern sind immerhin
mehr als 132 000 zwischen 18 und 50. Hier ist Polens zweitgrößte technische
Hochschule beheimatet mit fast 20 000 Studenten. Die daraus resultierende
Lebendigkeit wird besonders auf dem Marktplatz mit seinen zahlreichen
Lokalitäten deutlich.
Nicht unerwähnt bleiben darf der noch heute zu besichtigende ehemalige
Rundfunksender. Einen auf ihn durch die Nationalsozialisten vorgetäuschten
Angriff hat Hitler der Weltöffentlichkeit als Anlass für den Überfall auf Polen
am 1. September 1939 angeboten.
Liceum i Gimnazjum Ogólnokształcące Ewangelickiego Towarzystwa
Edukacyjnego Gliwice
inter diesem langen Namen verbirgt sich eine
zweigliedrige private allgemeinbildende Oberschule, die von der
Evangelisch
Lutherischen Edukationsgesellschaft
(ETE) getragen wird. Der Verein hat sie im Jahre 1995 gegründet und zwar
zunächst als „Liceum“, das entspricht etwa unserem Gymnasium, allerdings
umfasste diese Schulform nur 4 Jahrgänge – von Klasse 9 bis Klasse 12. Im Zuge
der
Bildungsreform
wird das polnische Schulsystem seit 1999 neu gegliedert. Statt wie bisher fast
ausschließlich auf den Erwerb von Faktenwissen zu setzen, soll in Zukunft mehr
Wert auf die Persönlichkeitsentwicklung und die Fähigkeit zum kritischen Denken
und selbständigen Arbeiten gelegt werden. An die sechsklassige Grundschule
schließt sich eine dreijährige Gymnasialstufe an, die wahlweise über dreijährige
Lyzeen zum Abitur oder zu zweijährigen Berufsschulen führt. Das
eingeführte neue Zentralabitur (Nowa Matura), das ca. 50% der Abiturienten eines
Jahrgangs ablegen sollen, berechtigt zum Hochschulzugang ohne die bislang
obligatorische Aufnahmeprüfung. Die Umstellung des Schulsystems birgt auch für
unsere Partnerschule gravierende Konsequenzen. Die Schülerzahl erhöht sich um
mindestens ein Drittel auf insgesamt 150 Schüler, die von 20 Voll- und
Teilzeitlehrkräften in kleinen Gruppen mit jeweils15 Schülern unterrichtet
werden - ganz anders als in staatlichen Schulen. Ein recht entspannter
Unterricht, in einer alten – innen sehr ansprechend umgestalteten und inzwischen
durch eine Aula vergrößerten –
Villa,
die dem Evangelischen Pfarramt in Gliwice gehört, kann stattfinden. Deutsch und
Englisch werden durchgängig jeweils 5 Stunden pro Woche unterrichtet. Es gibt
einen modernen Computerraum, ein Sprachlabor und eine von Schülern betriebene
Cafeteria. In den großen Pausen sorgt ein schulinterner „Radiosender“ für
musikalische Unterhaltung. Bildungsbewusste Eltern schicken z.T. von weither
ihre Kinder, um sie hier unterrichten zu lassen. Nur ein Drittel der Schüler ist
evangelisch, die anderen sind katholisch. Einige Schüler können aufgrund der
großen Entfernung nicht täglich nach Hause fahren und leben dann in
Wohngemeinschaften. All das hat natürlich seinen Preis. Allein das
Schulgeld
beträgt umgerechnet 70 € pro Monat. Im Vergleich – ein polnischer Lehrer
verdient 300 €. Durch die polnische Haushaltskrise von 2001/2002 sind geplante
Gehaltserhöhungen der Lehrer, die die Inflationsrate um mehr als 5% übersteigen
sollen, verschoben worden.
Geschichte des Austauschs
ie Beziehungen zwischen dem LO (ETE) Gliwice und
unserem Gymnasium
reichen bis 1997 zurück. Nachdem die Gleiwitzer Schulleiterin
Frau Czudek und Herr Otto eine Initiative aufgegriffen hatten, machte
sich erstmals 1998 eine Uslarer Delegation in den Osterferien nach Polen auf und
durfte die polnische Gastfreundschaft kennen lernen. Der Gegenbesuch einer
fünfzehnköpfigen Gleiwitzer Gruppe fand dann im Juni statt. 1999 kam es erneut
zu zwei Begegnungen. Unter Leitung der jungen Deutschlehrerin Frau Czauderna
besuchten uns im April 14 polnische Schülerinnen und Schüler und wir reisten im
September gleich mit zwei Gruppen, den Schülern des Austauschs und dem Lk
Geschichte, insgesamt 38 Personen, an. Seitdem sind zwei gemeinsame
Veranstaltungen mit jeweils 20 Schülern pro Jahr institutionalisiert. Qualitativ
ist unsere Verbindung mit der Gleiwitzer Schule im Jahr 2000 durch einen
offiziellen Partnerschaftsvertrag aufgewertet worden - ein kleiner positiver
Nebeneffekt ist die damit verbundene finanzielle Unterstützung Uslarer Schüler
durch die Stadt Uslar bei einem Besuch der Partnerschule.
Als preisgünstigster und bequemster
Transfer
von einem
in das andere Land haben sich polnische Linienbusse erwiesen. Zu Beginn des
Austauschs hielten sich diese noch an eine vorgegebene Route. Unsere polnischen
Gäste trafen morgens gegen 3.00 Uhr in Kassel ein. An der Zeit hat sich nicht
viel geändert, aber inzwischen wird Uslar direkt angefahren und auch wir müssen
nicht mehr in Göttingen, sondern können ebenfalls in Uslar starten bzw.
ankommen.
Intentionen des Austauschs – Deutsche und Polen
n den Beziehungen zwischen Deutschland und Polen
gab es gute wie schlechte Zeiten. Die guten allerdings liegen weit zurück, so
dass sie unter dem Eindruck der jüngeren Vergangenheit fast ganz in
Vergessenheit geraten waren. Keine Nation hat in der
Geschichte so
schrecklich unter deutschem Hegemonialstreben und deutscher Gewaltherrschaft
leiden müssen wie Polen. Mehr als sechs Millionen polnische Bürgerinnen und
Bürger, darunter drei Millionen Juden, sind dem nationalsozialistischen
Angriffskrieg und dem Terror der Besatzungszeit zum Opfer gefallen. Die
Erinnerung daran wird in Polen in Familie und Öffentlichkeit gepflegt und an die
nachfolgenden Generationen weitergegeben. Neben den Verlusten an Menschen musste
Polen als Folge des 2. Weltkrieges eine Verschiebung und Verkleinerung seines
Staatsgebietes hinnehmen. Daher ist es kein Wunder, dass Ängste vor dem
deutschen »Drang nach Osten« auch heute noch immer wieder aufkommen können. Und
das, obwohl sich die Beziehungen seit Willy Brandts berühmtem Kniefall vor dem
Warschauer Ghetto - Denkmal 1970 – dem Symbol der Mahnung und des politischen
Auftrags - und besonders seit der Wende kontinuierlich gebessert haben. Dazu
trugen nicht nur die politischen Anstrengungen bei, darunter v.a. die
Unterstützung für Polens EU-Beitritt, wie im Vertrag über „Gute Nachbarschaft
und freundschaftliche Zusammenarbeit“ vom Juni 1991 dokumentiert, sondern in
nicht geringerem Maße auch die Kontakte zwischen den Bürgern und Repräsentanten
beider Länder. So führte Premierminister Leszek Millers erste Auslandsreise
unmittelbar nach seiner Ernennung am 24. Oktober 2001 nach Berlin zu einer
Begegnung mit Bundeskanzler Schröder. Langsam, aber stetig verbessert sich
das
Deutschlandbild in
Polen, und insbesondere die junge Generation scheint entschlossen, die
Vergangenheit zwar keineswegs zu vergessen, aber die gegenwärtigen Beziehungen
nicht davon überschatten zu lassen. Es versteht sich von selbst, dass auch das
häufig durch Stereotype und Vorurteile geprägte
Polenbild
Deutscher zu revidieren ist.
Den Zielsetzungen soll durch unsere
gemeinsame
Programmgestaltung,
die sich nicht nur auf Unterricht beschränken kann, entsprochen werden. Unsere
polnischen Gäste führen wir mit Wanderungen, Planwagenfahrten und
Grillveranstaltungen in die reizvolle Uslarer Gegend, animieren sie zu
sportlichen Aktivitäten, wie z.B. Schwimmen im Uslarer Badeparadies oder
besichtigen regelmäßig Göttingen und zusätzlich andere Orte wie Kassel, Bremen
oder Weimar. Im Expojahr 2000 haben wir die Chance genutzt, uns gemeinsam die
Weltausstellung nicht nur in Hannover, sondern auch in Schönhagen anzusehen. Für
uns als deutsche Betreuer des Austauschs ist es ein Bedürfnis, wenn wir in Polen
sind, unsere Schüler mit der dunkelsten Seite deutscher Geschichte zu
konfrontieren. 45 km von Gliwice entfernt befinden sich Auschwitz mit dem
ehemaligen KZ – Stammlager und Birkenau mit dem eigentlichen Vernichtungslager.
Aber auch Erfreuliches steht regelmäßig auf unserem Besuchsprogramm, so die
Kulturmetropole und alte Königsstadt Polens, Krakau oder auch schon zweimal
Tschenstochau. Kaum minder beeindruckend ist die Besichtigung von Bergwerken in
und um Gleiwitz. Höchst informativ ist unser alljährlicher Empfang im Haus
der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit in Gliwice, dass 1998 vom damaligen
Bundespräsidenten Herzog eingeweiht worden ist. Seit 2001 wird unser Aufenthalt
durch den von unserer polnischen Kollegin Klaudia Czauderna für uns
organisierten Deutschunterricht bereichert. Aber eins ist klar, am meisten in
jederlei Hinsicht profitieren alle Austauschteilnehmer durch die engen Kontakte
innerhalb der Familien und die vielen privaten Initiativen.
gez. P. Schmolinga
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