Schulbroschüre 2002 - Bericht über den Austausch zwischen dem Gymnasium Uslar und dem Liceum i Gimnazjum Gliwice   

 
 

 Auf nach Gliwice!   

 

Polen – Land und Leute

 

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olen liegt – nicht im Bewusstsein der meisten Deutschen, wohl aber auf der Landkarte – mitten im Zentrum Europas. Es beginnt nur 80 km östlich von Berlin.

Mit 312 683 km2 ist Polen nur etwa 10% kleiner als das wiedervereinigte Deutschland, hat aber weniger als die Hälfte an Einwohnern. 38% der Bevölkerung leben auf dem Land. 95% der rund 39 Mio. Einwohner sind Polen. Der Rest besteht anders als in Deutschland nicht aus zugezogenen Ausländern, sondern aus ethnischen Minderheiten, die seit Generationen in ihnen angestammten Gebieten leben, wie z.B. die Deutschen. Die Angehörigen der deutschen Minderheit leben zu 90% in Oberschlesien. Ihre Minderheitenrechte sind in der polnischen Verfassung garantiert. Die verschiedenen Organisationen der Minderheit haben zusammen etwa 300.000 Mitglieder und gehören überwiegend einem gemeinsamen Dachverband mit Sitz in Oppeln an.  Im polnischen Parlament, dem Sejm, ist die deutsche Minderheit mit zwei Abgeordneten vertreten.

 Grundlegende Einheit der Gesellschaft ist nach wie vor die Familie, die meist noch sehr traditionell funktioniert. Die Familienbindungen sind auch zur weitläufigen Verwandtschaft deutlich. Generationenkonflikte treten kaum auf. Die Familie ist sicherer Bezugspunkt, und die Jugendlichen bleiben - allerdings auch der schwierigen materiellen Bedingungen wegen - länger von den Eltern abhängig. Mit der Veränderung der Lebensumstände seit der Wende 1989, durch die sich Polen rasant zu einer parlamentarischen Demokratie mit freier Marktwirtschaft entwickelte, die oft zur Aufnahme mehrerer Jobs pro Person zwingen, lockern sich aber die Familienbindungen.

Deutliche Unterschiede zu Deutschland gibt es auch bei der G1eichberechtigung der Geschlechter. Frauen werden in Polen von Männern zwar verehrt, auf die Hand geküsst, ihnen wird an der  Tür Vortritt gelassen und in den Mantel geholfen, sie „dürfen“ berufstätig sein und gleichzeitig die Hauptlast der Kindererziehung und der Familienversorgung tragen, nur... die Macht im Staat sollten sie lieber Männern überlassen.

95%  der Bevölkerung sind laut Statistik katholisch. Jährlich pilgern etwa vier Millionen Menschen nach Tschenstochau, 80 km von Gliwice entfernt, wo im Paulinerkloster ein Marienbild, die Schwarze Madonna, aufbewahrt ist, die hoch verehrt wird Die Bedeutung der katholischen Kirche in Polen resultiert auch aus ihrer politischen Rolle in der Vergangenheit. Während der polnischen Teilungen im18. Jahrhundert und auch in der Nachkriegszeit unterstützte sie als einzige offizielle Institution die polnischen Unabhängigkeits- und Freiheitsbestrebungen und verfügte über eine besondere moralische Autorität.

 

Gliwice/Gleiwitz

 

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er Ort, in dem unsere Partnerschule sich befindet, ist eine industriell geprägte Großstadt im Süden Polens, administrativ zur Woiwodschaft Śląskie/Schlesien gehörend. Gleiwitz, am Westrand der Schlesischen Hochlandebene ist sicher die grünste aller Städte im schlesischen Ballungsgebiet. Immerhin sind beinah 12% des Stadtgebietes Grünanlagen und Parks. Ein neuralgisches und nach wie vor ungelöstes Problem bleibt der starke Autoverkehr in der Innenstadt, wo sich die mittelalterliche Stadtanlage mit ihren Straßenzügen bis auf den heutigen Tag erhalten hat Die Hauptstraße, Zwycięstwa/Wilhelmstr., hat kaum etwas von ihrem alten Flair eingebüßt. Viele neue Geschäfte sind entstanden, deren Schaufenster sich in das historische Gesamtbild einfügen.

GIeiwitz ist eine junge Stadt, denn von den 213 000 Einwohnern sind immerhin mehr als 132 000 zwischen 18 und 50. Hier ist Polens zweitgrößte technische Hochschule beheimatet mit fast 20 000 Studenten. Die daraus resultierende Lebendigkeit wird besonders auf dem Marktplatz mit seinen zahlreichen Lokalitäten deutlich.

Nicht unerwähnt bleiben darf der noch heute zu besichtigende ehemalige Rundfunksender. Einen auf ihn durch die Nationalsozialisten vorgetäuschten Angriff hat Hitler der Weltöffentlichkeit als Anlass für den Überfall auf Polen am 1. September 1939 angeboten.

 

Liceum i Gimnazjum Ogólnokształcące  Ewangelickiego Towarzystwa Edukacyjnego Gliwice

 

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inter diesem langen Namen verbirgt sich eine zweigliedrige private allgemeinbildende Oberschule, die von der Evangelisch Lutherischen Edukationsgesellschaft (ETE) getragen wird. Der Verein hat sie im Jahre 1995 gegründet und zwar zunächst als „Liceum“, das entspricht etwa unserem Gymnasium, allerdings umfasste diese Schulform nur 4 Jahrgänge – von Klasse 9 bis Klasse 12. Im Zuge der Bildungsreform wird das polnische Schulsystem seit 1999 neu gegliedert. Statt wie bisher fast ausschließlich auf den Erwerb von Faktenwissen zu setzen, soll in Zukunft mehr Wert auf die Persönlichkeitsentwicklung und die Fähigkeit zum kritischen Denken und selbständigen Arbeiten gelegt werden. An die sechsklassige Grundschule schließt sich eine dreijährige Gymnasialstufe an, die wahlweise über dreijährige Lyzeen zum Abitur oder zu zweijährigen Berufsschulen führt. Das  eingeführte neue Zentralabitur (Nowa Matura), das ca. 50% der Abiturienten eines Jahrgangs ablegen sollen, berechtigt zum Hochschulzugang ohne die bislang obligatorische Aufnahmeprüfung. Die Umstellung des Schulsystems birgt auch für unsere Partnerschule gravierende Konsequenzen. Die Schülerzahl erhöht sich um mindestens ein Drittel auf insgesamt 150 Schüler, die von 20 Voll- und  Teilzeitlehrkräften in kleinen Gruppen mit jeweils15 Schülern unterrichtet werden - ganz anders als in staatlichen Schulen. Ein recht entspannter Unterricht, in einer alten – innen sehr ansprechend umgestalteten und inzwischen durch eine Aula vergrößerten – Villa, die dem Evangelischen Pfarramt in Gliwice gehört, kann stattfinden. Deutsch und Englisch werden durchgängig jeweils 5 Stunden pro Woche unterrichtet. Es gibt einen modernen Computerraum, ein Sprachlabor und eine von Schülern betriebene Cafeteria. In den großen Pausen sorgt ein schulinterner „Radiosender“ für musikalische Unterhaltung. Bildungsbewusste Eltern schicken z.T. von weither ihre Kinder, um sie hier unterrichten zu lassen. Nur ein Drittel der Schüler ist evangelisch, die anderen sind katholisch. Einige Schüler können aufgrund der großen Entfernung nicht täglich nach Hause fahren und leben dann in Wohngemeinschaften. All das hat natürlich seinen Preis. Allein das Schulgeld beträgt umgerechnet 70 € pro Monat. Im Vergleich – ein polnischer Lehrer verdient 300 €. Durch die polnische Haushaltskrise von 2001/2002 sind geplante Gehaltserhöhungen der Lehrer, die die Inflationsrate um mehr als 5% übersteigen sollen, verschoben worden.

 Geschichte des Austauschs

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ie Beziehungen zwischen dem LO (ETE) Gliwice und unserem Gymnasium Homepage-Gymnasium Uslarreichen bis 1997 zurück. Nachdem die Gleiwitzer Schulleiterin Frau Czudek und Herr Otto eine  Initiative aufgegriffen hatten, machte  sich erstmals 1998 eine Uslarer Delegation in den Osterferien nach Polen auf und durfte die  polnische Gastfreundschaft kennen lernen. Der Gegenbesuch einer fünfzehnköpfigen Gleiwitzer Gruppe fand dann im Juni statt. 1999 kam es erneut zu zwei Begegnungen. Unter Leitung der jungen Deutschlehrerin Frau Czauderna besuchten uns im April 14 polnische Schülerinnen und Schüler und wir reisten im September gleich mit zwei Gruppen, den Schülern des Austauschs und dem Lk Geschichte, insgesamt 38 Personen, an. Seitdem sind zwei gemeinsame Veranstaltungen mit jeweils 20 Schülern pro Jahr institutionalisiert. Qualitativ ist unsere Verbindung mit der Gleiwitzer Schule im Jahr 2000 durch einen offiziellen Partnerschaftsvertrag aufgewertet worden - ein kleiner positiver Nebeneffekt ist die damit verbundene finanzielle Unterstützung Uslarer Schüler durch die Stadt Uslar bei einem Besuch der Partnerschule.

Als preisgünstigster und bequemster Transfer von einem in das andere Land haben sich polnische Linienbusse erwiesen. Zu Beginn des Austauschs hielten sich diese noch an eine vorgegebene Route. Unsere polnischen Gäste trafen morgens gegen 3.00 Uhr in Kassel ein. An der Zeit hat sich nicht viel geändert, aber inzwischen wird Uslar direkt angefahren und auch wir müssen nicht mehr in Göttingen, sondern können ebenfalls in Uslar starten bzw. ankommen.

 

 

Intentionen des Austauschs – Deutsche und Polen

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n den Beziehungen zwischen Deutschland und Polen gab es gute wie schlechte Zeiten. Die guten allerdings liegen weit zurück, so dass sie unter dem Eindruck der jüngeren Vergangenheit fast ganz in Vergessenheit geraten waren. Keine Nation hat in der Geschichte so schrecklich unter deutschem Hegemonialstreben und deutscher Gewaltherrschaft leiden müssen wie Polen. Mehr als sechs Millionen polnische Bürgerinnen und Bürger, darunter drei Millionen Juden, sind dem nationalsozialistischen Angriffskrieg und dem Terror der Besatzungszeit zum Opfer gefallen. Die Erinnerung daran wird in Polen in Familie und Öffentlichkeit gepflegt und an die nachfolgenden Generationen weitergegeben. Neben den Verlusten an Menschen musste Polen als Folge des 2. Weltkrieges eine Verschiebung und Verkleinerung seines Staatsgebietes hinnehmen. Daher ist es kein Wunder, dass Ängste vor dem deutschen »Drang nach Osten« auch heute noch immer wieder aufkommen können. Und das, obwohl sich die Beziehungen seit Willy Brandts berühmtem Kniefall vor dem Warschauer Ghetto - Denkmal 1970 – dem Symbol der Mahnung und des politischen Auftrags - und besonders seit der Wende kontinuierlich gebessert haben. Dazu trugen nicht nur die politischen Anstrengungen bei, darunter v.a. die Unterstützung für Polens EU-Beitritt, wie im Vertrag über „Gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit“ vom Juni 1991 dokumentiert, sondern in nicht geringerem Maße auch die Kontakte zwischen den Bürgern und Repräsentanten beider Länder. So führte Premierminister Leszek Millers erste Auslandsreise unmittelbar nach seiner Ernennung am 24. Oktober 2001 nach Berlin zu einer Begegnung mit Bundeskanzler Schröder. Langsam, aber stetig verbessert sich das Deutschlandbild in Polen, und insbesondere die junge Generation scheint entschlossen, die Vergangenheit zwar keineswegs zu vergessen, aber die gegenwärtigen Beziehungen nicht davon überschatten zu lassen. Es versteht sich von selbst, dass auch das häufig durch Stereotype und Vorurteile geprägte Polenbild Deutscher zu revidieren ist.

Den Zielsetzungen soll durch  unsere  gemeinsame Programmgestaltung, die sich nicht nur auf Unterricht beschränken kann, entsprochen werden. Unsere polnischen Gäste führen wir mit Wanderungen, Planwagenfahrten und Grillveranstaltungen in die reizvolle Uslarer Gegend, animieren sie zu sportlichen Aktivitäten, wie z.B. Schwimmen im Uslarer Badeparadies oder besichtigen regelmäßig Göttingen und zusätzlich andere Orte wie Kassel, Bremen oder Weimar. Im Expojahr 2000 haben wir die Chance genutzt, uns gemeinsam die Weltausstellung nicht nur in Hannover, sondern auch in Schönhagen anzusehen. Für uns als deutsche Betreuer des Austauschs ist es ein Bedürfnis, wenn wir in Polen sind, unsere Schüler mit der dunkelsten Seite deutscher Geschichte zu konfrontieren. 45 km von Gliwice entfernt befinden sich Auschwitz mit dem ehemaligen KZ – Stammlager und Birkenau mit dem eigentlichen Vernichtungslager. Aber auch Erfreuliches steht regelmäßig auf unserem Besuchsprogramm, so die Kulturmetropole und alte Königsstadt Polens, Krakau oder auch schon zweimal Tschenstochau. Kaum minder beeindruckend ist die Besichtigung von Bergwerken in und um Gleiwitz. Höchst informativ ist unser  alljährlicher Empfang im Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit in Gliwice, dass 1998 vom damaligen Bundespräsidenten Herzog eingeweiht worden ist. Seit 2001 wird unser Aufenthalt durch den von unserer polnischen Kollegin Klaudia Czauderna für uns organisierten Deutschunterricht bereichert. Aber eins ist klar, am meisten in jederlei Hinsicht profitieren alle Austauschteilnehmer durch die engen Kontakte innerhalb der Familien und die vielen privaten Initiativen.

                                                                                                                               gez. P. Schmolinga

 

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